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Wenn man auf das Leben und Wirken von Anton „Toni“ Mair zurückblickt, kann man vieles aufzählen: Lehrer und Erzieher, Entwicklungshelfer in Papua-Neuguinea (1982 bis 1986), Mitarbeiter des Österreichischen Entwicklungsdienstes, später Wechsel in die staatliche Entwicklungszusammenarbeit, von 1994 bis 1999 Leiter des österreichischen Koordinationsbüros in Uganda, Abteilungsleiter und schließlich vierzehn Jahre stellvertretender Leiter der für Entwicklungszusammenarbeit zuständigen Sektion im Außenministerium. Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst blieb er der Entwicklungspolitik als Lehrender, Zeitzeuge und kritischer Begleiter verbunden.
Bemerkenswert an diesem Weg war aber vielleicht vor allem eines: Die Funktionen wurden größer und höher, Toni blieb geerdet. Er blieb den Menschen verbunden, mit denen er nah und fern zusammenarbeitete. Er blieb Freund, auch wenn berufliche Wege längst auseinandergegangen waren. Er blieb dem Anliegen treu, für das er sich einmal entschieden hatte, den Menschen, die seinen Weg begleitet hatten, und bei allen Veränderungen eines langen Berufslebens auch sich selbst.
Sein Weg in die Entwicklungszusammenarbeit begann nicht mit einer Karriereentscheidung. Ende der 1970er-Jahre arbeitete Toni als Lehrer und Erzieher und beschäftigte sich gemeinsam mit Schüler:innen mit Fragen von Entwicklung und globaler Ungleichheit. Irgendwann, so erinnerte er sich viele Jahre später, war ihm das Reden darüber nicht mehr genug. „Ich möchte da konkret mitarbeiten“, beschrieb er seine damalige Motivation. Ein einfacher Satz, in dem schon viel von dem enthalten ist, was ihn später auszeichnen sollte: nicht beim Reden stehen bleiben, sondern Verantwortung übernehmen; nicht von außen urteilen, sondern sich einlassen; nicht nur über Menschen sprechen, sondern mit ihnen arbeiten.
Er bewarb sich beim Österreichischen Entwicklungsdienst, dem ÖED. Eigentlich hätte sein Weg nach Nicaragua führen sollen. Als dieses Vorhaben kurzfristig nicht zustande kam, wurde ihm eine Mitarbeit in Papua-Neuguinea angeboten. Dort verbrachte er schließlich fünf Jahre – eine Erfahrung, die seinen weiteren Lebensweg prägen sollte. Die personelle Entwicklungszusammenarbeit jener Zeit war eine andere als heute. Man sprach selbstverständlich von „Entwicklungshelfer:innen“. Viele Einsätze fanden in kirchlichen Einrichtungen, Schulen oder abgelegenen Regionen statt. Vieles daran würde heute anders organisiert und manches auch anders benannt. Toni hat diese Vergangenheit später nicht verklärt. Er beobachtete, wie fachliche Qualifikation wichtiger wurde, wie sich die Zusammenarbeit aus ihrem ursprünglich stark kirchlich geprägten Umfeld herausentwickelte und wie aus einzelnen Einsätzen zunehmend institutionell eingebettete Kooperationen wurden. Aber er wusste aus eigener Erfahrung auch, was an dieser Form der Zusammenarbeit wertvoll war: die persönliche Begegnung, das Zuhören, das gemeinsame Arbeiten und die Erfahrung, dass Zusammenarbeit Vertrauen braucht – und Vertrauen Zeit.
Vielleicht lag darin eine der Erfahrungen, die Toni aus Papua-Neuguinea durch sein weiteres Berufsleben mitnahm. Entwicklung war für ihn nie nur eine Frage von Geld und auch keine abstrakte Verwaltungskategorie. Hinter Projekten standen Menschen, hinter Institutionen Menschen und hinter politischen Entscheidungen wiederum Menschen, deren Leben von diesen Entscheidungen berührt wurde. Zusammenarbeit konnte nur funktionieren, wenn man diese Menschen ernst nahm.
Nach seiner Rückkehr blieb Toni zunächst beim ÖED und wechselte später in die staatliche Entwicklungszusammenarbeit. Er leitete das österreichische Koordinationsbüro in Uganda, wurde Abteilungsleiter und schließlich stellvertretender Leiter der EZA-Sektion im Außenministerium. Der ehemalige Entwicklungshelfer war damit in der Leitung der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit angekommen.
Aber er wurde deshalb nicht zum Funktionär. Wer Toni kannte, erlebte keinen Menschen, der sich über Titel und Hierarchien definierte. Er war ein Staatsdiener im besten Sinn des Wortes: dem öffentlichen Auftrag verpflichtet, mit hohem Berufsethos, großer Integrität und einem tiefen Verständnis dafür, dass Verwaltung den Menschen dienen soll. Gleichzeitig war er ein feinsinniger, kulturell interessierter Mensch mit einem wachen Blick für Kunst, Gesellschaft und die leisen Zwischentöne des Lebens.
Die wachsende institutionelle Verantwortung schuf Distanz in der Funktion, aber nicht im Umgang mit Menschen. Er konnte mit Ministerien und internationalen Organisationen verhandeln und zugleich den Kontakt zu früheren Weggefährt:innen bewahren. Er bewegte sich selbstverständlich in den Strukturen staatlicher Verwaltung, ohne zu vergessen, dass Entwicklungszusammenarbeit letztlich nicht für Strukturen gemacht wird. Die Erfahrungen der Menschen in der Praxis blieben ihm wichtig – ebenso jene, mit denen er irgendwann begonnen hatte, an die Möglichkeit internationaler Solidarität zu glauben.
Mit den Jahren weitete sich sein Blick vom einzelnen Einsatz und Projekt auf Programme, Institutionen und schließlich auf die österreichische Entwicklungspolitik als Ganzes. Toni trat für langfristige Zusammenarbeit, für eine stärkere Konzentration der österreichischen Aktivitäten und für bessere Koordination ein. Ihn beschäftigte eine Frage, die bis heute aktuell geblieben ist: Wie können aus vielen einzelnen Aktivitäten eine gemeinsame, kohärente Entwicklungspolitik und wirkliche Partnerschaft entstehen?
Dabei argumentierte er immer wieder aus der Perspektive der Partnerorganisationen. Eine Vielzahl kleiner Projekte, unterschiedliche Verfahren der Geberseite, immer neue Missionen, Berichte und Evaluierungen konnten gerade jene Institutionen belasten, denen Entwicklungszusammenarbeit dienen sollte. Eigenverantwortung der Partnerorganisationen war für Toni deshalb kein Schlagwort. Sie bedeutete auch, dass die Geberseite lernen mussten, sich selbst besser zu koordinieren.
Vielleicht zeigt sich gerade darin etwas sehr Persönliches. Auch als Vertreter einer Geberinstitution wollte Toni nie vergessen, auf welcher Seite der Schreibtisch eigentlich stehen sollte. Die Perspektive der anderen blieb wichtig. Seine eigene Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass gute Absichten allein noch keine gute Zusammenarbeit ausmachen. Seine Laufbahn spiegelt damit auch einen größeren Wandel wider: von der „Entwicklungshilfe“ zur Entwicklungszusammenarbeit, von Entwicklungshelfer:innen zur professionellen Fachkraft, vom einzelnen Projekt zur institutionellen Kooperation, vom Helfen zur Partnerschaft auf Augenhöhe. Toni hat diesen Wandel nicht nur beobachtet, sondern selbst durchlebt und mitgestaltet. Und doch ging dabei das Wesentliche nicht verloren. Internationale Solidarität war für ihn mehr als ein finanzieller Transfer. Sie lebte von Vertrauen, von langfristigen Beziehungen und von der Bereitschaft, Verantwortung miteinander zu teilen.
Dass Toni nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst der Entwicklungspolitik verbunden blieb, war deshalb nur folgerichtig. Er lehrte an der Universität Wien, diskutierte mit Studierenden und beteiligte sich daran, die Geschichte der österreichischen Entwicklungshilfe aufzuarbeiten. Dabei hatte er keine Scheu, auch die eigene Vergangenheit kritisch zu betrachten. Für ihn war diese Geschichte kein Heldenepos. Sie war eine Geschichte von Engagement, Irrtümern, Veränderung und lebenslangem Lernen. Vielleicht ist Lernen überhaupt eines jener Worte, die seinen Lebensweg verbinden: der Lehrer, der mit jungen Menschen über Entwicklung nachdachte; der Entwicklungshelfer, der in Papua-Neuguinea selbst zum Lernenden wurde; der Projektverantwortliche und Koordinator, der Erfahrungen weitergab; der hohe Beamte, der um bessere Strukturen der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit rang; und schließlich der Lehrende und Zeitzeuge, der einer jüngeren Generation erzählte, wie alles begonnen hatte.
Der personellen Entwicklungszusammenarbeit blieb Toni über all die Jahre eng verbunden. Wenn Rat oder Unterstützung gefragt war, war auf ihn Verlass. Er setzte sich mit Überzeugung dafür ein, dass die Bedeutung der personellen Entwicklungszusammenarbeit gesehen und anerkannt wird.
Am Anfang seines Weges stand der einfache Wunsch: „Ich möchte da konkret mitarbeiten.“ Er hat es getan. Über viele Jahrzehnte und in sehr unterschiedlichen Funktionen. Als Lehrer und Entwicklungshelfer, als Beamter und Gestalter der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, als Mentor, Wegbegleiter und Freund. Das ist viel. Und dafür bleibt Dankbarkeit.
Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und allen Menschen, die ihm nahestanden.
In aufrichtiger Anteilnahme
horizont3000 - im Namen von Vorstand, Geschäftsführung und Mitarbeiter:innen
PS: Anton Mair war im letzten Jahr zu Gast bei Michael Obrovskys Brücken in die Welt: der Podcast zur österreichischen Entwicklungspolitik. In Episode 5 spricht er gemeinsam mit Johanna Mang über die Jahre 2004 bis 2014. Mit einem Klick auf diese Zeile geht es zum Podcast.